Samstag, 4. Oktober 2008

Bolivien 3

Salar de Uyuni und Potosi

Von Sucre nach Uyuni sind es 12 Stunden mit einem Zwischenstopp in Potosi. Ein alter ausrangierter Bus bringt uns auf einer Schotterpiste ueber die Anden nach Uyuni. Schon Sucre liegt auf fast 2700m. Der Salzsee von Uyuni liegt auf 3700m, es ist der groesste Salzsee der Erde.
Leila hat im Vorfeld an die 10 Agenturen abgeklappert, Jeeps getestet und die besten Konditionen ausgehandelt. Als wir ankommen ist sogar diese Uebernachtung mit im Preis inbegriffen. 55 Euro fuer drei Uebernachtungen, drei Tage rumfahren im Jeep und Verpflegung, pro Person.
Am naechsten Tag geht es los. Es sollten noch zwei Australier mitfahren, und wir haben uns vorher geschworen nur Spanisch mit Ihnen zu reden. Als wir dann um halb zehn zum Treffpunkt kommen, wird einfach alles mal ueber den Haufen geworfen. Es hatte sich noch eine Gruppe Basken angemeldet. Und da die Herrschaften aelter sind, haben sie unseren Guide und unseren Jeep bekommen. Dann hiess es wir sollten einen anderen Jeep bekommen. Und die Australier waren auf dem Weg von La Paz nach Uyuni steckengeblieben. Jetzt sollten drei Neuseelaender mitkommen. Als die drei Jungs ankommen kommt auch schon unser Jeep um die Ecke gefahren. Nun muss aber noch getankt und der Jeep gewechselt werden. Naja, dann sehen wir unseren "neuen" Jeep. Eine alte Klapperkiste, wo die Reifen abgefahren sind, die Sitze sind innen bis aufs Futter freigelegt, das man sich die Haende beim Einsteigen aufritzt. Den Tankdeckel gibts nicht mehr, der Tank ist mit einer Plastiktuete verstopft. Die Kroenung aber war, das die Bremsen nicht funktionierten. Als dann noch eine Koechin mitwollte, die wir eigentlich nicht wollten, weil wir so mehr Platz haetten im Jeep, war das Mass voll. Die Jungs wollten den Trip absagen und Leila hat sich mit den Tourguides angelegt. Da sie gut Spanisch spricht und ihnen auf diplomatische Art und Weise beigebracht hat, das wir einen anderen Jeep wollen, das wir keine Koechin mitgebucht haben, weil wir mehr Platz haben wollten und wie sowas moeglich sei in diesem tollen Land. Dass sass! Da ist der Stolz der Bolvianer hervorgekommen und schwups hatten wir einen anderen Jeep und los gings. Am ersten Tag sind wir auf den Salzsee gefahren. Die drei Jungs kamen nicht alle aus Neuseeland. Nur Simon. Alex und Carl sind aus England. Simon sprach gar kein Spanisch, sodass unser Vorsatz ziemlich schnell ueber Bord war und wir Englisch sprechen mussten. Auf dem Salzsee haben wir dann tolle Fotosessions gemacht. Da der Salzsee riesig ist und der Uebergang von weiss zu blau so sanft ist, hat man keinen Vergleich und so entstehen diese Bilder.
Mitten im Salzsee ist eine Insel mit tausenden von Kakteen. Die Kakteen wachsen 1cm pro Jahr. Das Holz das unter dem Fleisch der Kakteen ist verwendet man fuer Tueren und Muelleimer u.v.m. Es hat ganz viele Loecher, da wo die Stacheln drin waren.
Der Salzsee ist am Rand 5m tief und in der Mitte 120m. Die ersten 30cm Salz verwendet man um SalzSchmuck zu machen. Die naechsten 130cm benutzt man zum Bauen. Das Speisesalz wird aus jeder Schicht verwendet und anschliessend gereinigt und Jod zugesetzt. In unserer ersten Nacht schlafen wir in einem Salzhotel. Irre schoen, sogar der Boden war aus Salz. Das Essen war super und wir spielten Karten...
Am naechsten Morgen hiess es um 5 Uhr aufstehen, wir haben noch einen weiten Weg vor uns, sagt Raul unser Guide. Wir treffen immer wieder andere Gruppen. Unter anderem die Basken die noch einen Israeli an Bord haben, der so gerne den Jeep tauschen moechte weil er kein Spanisch spricht und auch nicht will. Er reist schon seit 7 Monaten durch Suedamerika und spricht kein Wort Spanisch! Wie das geht wissen wir nicht. Er ist mehr daran interessiert mit Touristen zu sprechen als mit der einheimischen Bevoelkerung. Wir sind Stunden ueber Buckelpisten gefahren, zu den anderen kleineren Salzseen, die alle auf 4000m liegen. Das verrueckte ist, das sie rot oder gruen sind. Jeweils wegen der Algen oder irgendwelcher Oxidationen. Und!: dort leben Flamingos. Irre oder?
Irgendwann kamen wir zu unserer zweiten Unterkunft. Auf 4400m. Es war arschkalt!
Am naechtsen Morgen aber, nach wieder um 5 Uhr aufstehen, kamen wir zu den warmen Quellen (4800m), und es war so schoen warm das man erstmal garnicht mehr rauswollte. Wie aber in der Badewanne, irgendwann wird man schrumpelig und muss raus.
Auf unserem Rueckweg nach Sucre, legten wir noch einen Zwischenstopp in Potosi ein. Wir besuchten die Silbermine. Wir hatten im Vorfeld schon eine Reportage in Sucre ueber die Verhaeltnisse in der Mine angeschaut. Wer interessiert ist: "Devils Miners". In diesem Film geht es um einen 14 jaehrigen Jungen der in den Minen zwei Doppelschichten arbeitet. Also 18 Stunden Arbeit am Tag. Da bleibt fuer die Schule nicht viel Zeit. Potosí ist Quechua und wird P'utuqsi ausgesprochen. Es bedeutet "Lärm" oder "Explosion", wegen der Dynamitexplosionen die den Weg in den Berg freilegten. Wir buchten eine Tour und am naechsten Tag um 8 Uhr gings los. Jonny, unser Guide, war selbst mal Minero. Er hat auch mit 14 Jahren angefangen, weil seine Familie das Geld brauchte. Er hatte aber nur eine Schicht und ist abends in die Schule gegangen. Heute ist er Guide und bringt die Touristen in die Mine.
Potosi war vor 400 Jahren die groesste Stadt der Welt. Groesser als Paris oder London. Jedenfalls erzaehlen sie das alle. Und auch der Lonely Planet. Bestimmt aber war sie die Wichtigste, denn all der Reichtum der Spanier oder letztenendes der Europaeer ruehrt von hier. Man sagt das bis zu 8 Millionen Menschen aus der Indogenen Bevoelkerung hier ihren Tod fanden. Potosi ist eine schoene Stadt, man sieht ihr ihren Reichtum an. Bis ins 19.Jh wurden hier die Silbergroschen fuer Spanien gestanzt. Einige Zeit wurden hier auch Goldmuenzen gestanzt, das Gold kam aber von Peru oder Venezuela. Heute ist die fruehere Geldfabrik ein Museum und die Muenzen von Bolivien werden in Spanien und Holland hergestellt. Ist billiger, sagt unser Guide. Potosi war einmal eine so reiche Stadt das sie zu einem bestimmten Tag im Jahr die Strassen mit Silber geplastert haben! Allerdings faellt das Atmen schwer, denn wir sind auf 4000m. Es ist die hoechste Stadt der Welt. Das begehrte Silber ging irgendwann zur Neige, es wird zwar immer noch gefoerdert aber Hauptfoergungsmetalle sind Zink und Kupfer. An die 88 verschiedenen Metalle werden hier in Potosi und Umgebung gefoerdert. Bis zu 300 verschiedene Bodenschaetze gibt es in Bolivien. Leider haben viele auslaendische Firmen aus Argentinien, Chile und den USA das Monopol, und die Rechte erkauft.
Mit einem kleinen Micro fahren wir raus aus der Stadt und kaufen Geschenke fuer die Mineros. Erfrischungsgetraenke und natuerlich Coca. Ohne Coca gehts hier einfach nicht. Sie brauchen es wie die Luft zum Atmen. Coca, natuerlich angebaut ist eine reine Nutzpflanze. Ein paar Blaetter in die Hand und Backpulver (verstaerkt die Wirkung) oder Quinua (wird hier uebrigens in rauen Mengen angebaut) oder wenn mans eher suess mag mit was Suessem. Allerdings wissen wir nicht was es ist. Es ist braun und suess. Dann kommt die ganze Mischung in die Backe und bleibt da. Der Hunger verschwindet und auch die Muedigkeit. Unsere Lehrerin in Sucre erzaehlte uns einmal das Coca, einen Energiehaushalt von zwei Stuecken Fleisch, 1 Tafel Schokolade, Calcium sowie Proteinen, Eisen, Vitamin A und Vitamin B2 hat. Wir haben es natuerlich auch schon oft gegessen. Heiko ist schon ein richtiger Cocakauer geworden. Und es stimmt, der Hunger geht und auch die Muedigkeit. Der Eroberer Gonzalo de Zárate, der im Auftrag von Karl III. von Spanien die koloniale Macht in Argentinien festigte, lobte den Effekt des Kokablatts: „Die Indios in den Minen können 36 Stunden unter Tag bleiben, ohne zu schlafen und zu essen“. Uebrigens wird das heute auch noch so praktiziert. Die Mineros arbeiten 36 Stunden (naruerlich mit der Ihnen heiligen Cocapause), und haben anschliessend einen Tag frei.
Jonny und wir gehen in einen der Schaechte rein. Es ist stockdunkel, doch gottseidank haben wir Kopflampen mit. Nicole ist irgendwie unheimlich und der Berg ist ja noch hoeher als die Stadt (der Berg war zu Spaniens Eroberungszeiten 5800m hoch, heute ist er nur noch 4800m hoch, sagt uns Johnny), also nochmehr schnaufen. Wir gehen immer tiefer in den Berg und treffen auf arbeitende Leute. Die meisten die hier arbeiten sind aus den umliegenden Doerfern und Indogene und haben eine dicke Cocabacke. Ihre Sprache ist Quechua. Auch Jonny spricht Quechua. Heiko hilft einem der Mineros einen Balken in einen 20 m tiefen Schacht abzulassen. Anschliessend klettert er hinterher. Nicole hofft das wir da nicht runter muessen. Muessen wir auch nicht.
Wir fragen die Arbeiter wie lange sie schon hier arbeiten, wie alt sie sind, was sie so verdienen. Einige arbeiten schon 20 Jahre in diesen duesteren Schaechten, es sind Kinder dabei, die aber angeben zwischen 16 und 18 Jahre zu sein. Ihr Verdienst haengt davon ab, wieviel sie am Tag herausfoerden. Wohlgemerkt alles per Hand.
Zum Schluss sitzen wir bei Tio, dem Gott der Unterwelt, erschaffen von den Spaniern. Die Spanier brachten den Katholizismus hierher, aber die Indogenen haben ihn mit ihren Goettern gemischt. Wenn ein Bolivianer an einer Kirche vorbeigeht bekreuzigt er sich erfuerchtig, aber der Gottesdienst wird in Quechua abgehalten. Jedes Dorf hat seinen Heiligen, oft einfach ein Stein, wo der Heilige drin sitzt. Auch zum Beispiel die Entrada in Sucre vor einigen Wochen, sie tanzen zur heiligen Jungfrau, aber immernoch noch wie zu Inkazeiten. Tanzen ist lebensnotwendig fuer die Bolvianer. So tanzen sie ihren Frust und ihr Leid weg. Aber sie machen sich zum Teil auch ueber die Spanier lustig, wie sie vollgepackt mit Gold und Silber ueber die Anden stapfen.
Den verschiedenen Goettern wird vieles geopfert: Suesses, Lamas, Wasser u.v.m. Tio aber mag am liebsten Zigaretten, Alcohol und Coca. Jeden Freitag sitzen die Minenarbeiter bei Tio und bringen ihm 96%igen Alcohol, Zigaretten und Coca. Coca wird auf seinem Kopf, seine Schultern, seinen Penis und auf die Beine gestreut. Anschliessend fuer Pachamama die Mutter Erde. Auch von dem Alcohol wird ueberall etwas hingeschuettet, und einen Schluck fuer den Minero. Und eine Zigarette in den Mund von Tio. Denn Tio passt auf, das keine Unfaelle passieren, das sie Licht haben und das sie weiterhin Minerale finden, in seinem Reich der Unterwelt, der Welt von Tio.

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