Bolivien 1
Santa Cruz, die Mennoniten und Sucre
Nachdem wir Matthew aus Australien ein bisschen Deutsch beigebracht hatten, verlassen wir unser geliebtes Ecohostel und fahren mit einem total ueberteuerten Collectivo zum Flughafen. Unser Flug hatte einen Zwischenstopp in Iquique und danach flogen wir weiter nach Santa Cruz. Wir ueberflogen die AtacamaWueste und den Salar de Uyuni. Von oben hatte man mal eine andere Perspektive. Der Salzsee ist riesig, und die Berge! Herrlich das von oben zu sehen...
Santa Cruz ist mit Abstand die windigste Stadt in der wir waren. Wir fragen ob das immer so ist. Ja, wegen der Abfallwinde aus den Anden.
Nachdem wir unser Zimmer in einem kleinen Gaestehaus bezogen hatten, gings raus auf Entdeckungstour. Man konnte links, geradeaus oder rechts laufen. Wir schlagen die rechte Spur ein, zur grossen Kathedrale. Auf dem Platz davor machen die Einheimischen Siesta und wir probieren einen Empanada con Queso, der uns auch schon in Chile gut geschmeckt hat. In einem kleinen Cafe treffen wir, wie immer auf einen Deutschen (wir sind ueberall :)), der uns gute Tips fuer Bolivien und Santa Cruz gibt. Unter anderem leben hier in Bolivien eine Minderheit, die Mennoniten. Nie vorher von Ihnen gehoert, aber sie verkaufen hier auf dem Markt ihren Kaese. Und am naechsten Tag wollten wir zu den Mennoniten.
Die Mennoniten sind eine eigene Glaubensrichtung. Entstanden aus der katholischen Kirche aber sie glauben nur an das AT. Sie sind vor 400 Jahren erst nach Russland gesiedelt, von da aus nach Kanada und den USA. Und wieder eine Zeit spaeter sind sie nach Mexiko, Bolivien und Paraguay.
Sie sprechen Plattdeutsch und lernen anhand der Bibel Hochdeutsch. Ihr Plattdeutsch hat sich aber auch eigenstaendig weiterentwickelt, sodass ein Plattdeutscher sie nicht unbedingt verstehen wuerde. So ist es auch mit dem Hochdeutsch. Sie koennen zwar Hochdeutsch lesen, aber sie verstehen es nicht unbedingt. Sie leben sehr zurueckgezogen und nur fuer sich. Sie heiraten unter sich, alles an Arbeit wird untereinander zugeteilt und nur den Maennern ist es erlaubt Spanisch zu lernen. So wollen sie vermeiden das die Frauen sich mit den Bolvianern mischen. Sie leben von der Landwirtschaft, sie kaufen Land, roden und bewirtschaften es. Sie stellen Kaese her und verkaufen es auf dem Markt an die Bolivianer. Die Mennoniten sind absolut anerkannt in Bolivien, sie gelten als zuverlaessig, ehrlich und sauber.
Leider ist es nicht andersrum auch so. Jedenfalls nicht ueberall. In manchen Siedlungen sind die Bolivianer grad mal gut genug um die Weizenhalme abzuschneiden und in anderen sitzen sie zusammen und trinken. Das kommt darauf an, wie offen sie sind.
Ihr Leben ist durchzogen von Verboten, Strafen und Selbstgeisselung. Sie glauben das sie in die Hoelle kommen, wenn sie sich freizuegiger anziehen. Um sich von den "anderen", also uns abzuheben, haben sie auch ihre eigene Kleidung. Die Maenner haben meistens eine blaue oder schwarze Latzhose an, die eine schoene Buegelfalte hat. Dazu: das Hemd, meistens kariert und ein Cowboyhut aus Stroh. Die Frauen haben Kleider, die ueber die Knie gehen mit Kniestruempfen und Sandalen. Und einen grossen runden Strohhut. Manchmal auch eine Haube. Wenn sie sich etwas salopper kleiden, z.B. eine Bundhose anhaben und eine Baseballkappe und die Frauen einen Rock und keine Haube, kann man davon augehen das sie offener sind. Meistens sprechen sie auch Hochdeutsch. Jedenfalls erzaehlt man uns das.
Also gehen wir am naechsten Morgen auf den Markt. Der Markt erstreckt sich um mehrere Haeuserblocks und es wird einfach alles angeboten. Von Gemuese ueber Fleisch, Kleidung, Batterien, Gemuese und Fruechte. Wir gehen also da so lang und da sieht Nicole einen blonden, jungen Mann mit Latzhose und Kaeppi langlaufen. Dann kommen uns Maedchen mit Kleidern und Hueten entgegen die uns an Heidi erinnern. Auch die aelteren Frauen haben diese Kleider an. Sie schauen uns an, wir sie. Sie gehen ihren Geschaeften nach und wir stehen da wie belaemmert und denken nur "krass". Man fuehlt sich 200 Jahre zurueckversetzt oder mehr noch.
Die Familien haben eine Groesse von durchschnittlich 8-12 Kindern.
Als wir da so stehen, gesellt sich uns ein Mann (Mennonit) dazu, der zuhoert. Er gibt zu verstehen das er sich gerne mit uns unterhalten wuerde. Er ist ein Farmer hier in Bolivien, bei Santa Cruz und kam vor 12 Jahren aus Paraguay hierher. Sein Urgrossvater war erst in Kanada, aber seine Wurzeln liegen in Preussen. Er hat 9 Kinder, die zu Hause alles versorgen und sich kuemmern, wenn er mit seiner Frau auf den Markt faehrt. Sie gesellt sich etwas spaeter auch dazu und fragt woher wir kommen. Ihre zweite Frage war, ob wir Kinder haetten und ob wir den und den kennen in Deutschland. Dann geht sie wieder.
Fortbewegungsmittel in den Doerfern ist immernoch die Pferdekutsche. Abends werden die Milchkannen rausgestellt und mit der Kutsche in die Kaeserei gebracht. Die Mennoniten fahren kein Auto. Jedenfalls nicht selber. Sie fahren entweder mit dem Taxi oder eben mit der Kutsche.
Das war mit Abstand das Seltsamste, was wir auf unserer Reise bisher gesehen haben.
Man kommt sich um Jahrhunderte zuruekversetzt vor. Es sind Deutsche aber es ist eine eigene Kultur mit einer eigenen Sprache und schon deshalb sehr interessant.
Da wir gerne in Sucre eine Sprachschule besuchen wollen, buchten wir kurzerhand einen Flug nach Sucre. Da die Bergstrassen wegen Blockaden gesperrt sind, bleibt uns nichts anderes uebrig als zu fliegen. Der Flug dauerte 40 Minuten und mit dem Bus waeren es 14 Stunden. Sucre liegt auf 2700m.
Wir flogen mit einer Propellermaschine, also gleich ein bisschen Abenteuer dazugebucht! Als wir vor der Landung durch Luftloecher geflogen sind ist uns richtig schlecht geworden.
Wir wohnen jetzt im Goetheinstitut und fuehlen uns dort richtig wohl. Fuer uns ist es richtiger Luxus. Aber trotzdem sehr erschwinglich. Wir haben eine kleines Zimmer mit Schreibtsich und mit eigenem Bad! Und vor unserer Tuer ist eine grosse Terrasse mit Haegematte. So laesst es sich aushalten und hoffentlich gut lernen.

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