Donnerstag, 31. Juli 2008

Australien 6

Songlines

Aborigines betrachten sich als Jaeger. Der ganze australische Kontinent war ihr Jagdgrund. Sesshafte sind >unbewegliches Wild<. Das Wort fuer Sesshafte ist bei den Aborigines >Fleisch<.

Die Weissen gingen von der irrtuemlichen Annahme aus, dass Aborigines, weil sie Wanderer waren, keine Landbesitzordnung haetten.
Aborigines konnten sich ein Territorium nicht mit Grenzen umschlossenes Land vorstellen, fuer sie war es eher ein verschachtelets Netz von Linien oder >Durch-Gaengen<. All ihre Woerter fuer Land sind identisch mit den Wortern fuer Linie. Der groesste Teil des australischen Buschlandes bestand aus duerrem Gestruepp oder Wueste, wo die Regenfaelle sehr unregelmaessig kamen und auf ein fettes Jahr sieben magere Jahre folgen konnten. Um hier zu ueberleben musste man umherziehen. Die Definition vom >eigenen Land< eines Menschen war >der Ort, an dem man nicht fragen muss<.
Doch um sich an diesem Ort zu Hause zu fuehlen, musste man imstande sein, es zu verlassen. Jeder hoffte, wenigstens 4 >Aus-Wege< zu haben, auf denen er in Krisenzeiten reisen konnte. Dazu musste jeder Stamm Beziehungen zu seinem Nachbarn pflegen. So wurden Obst, Enten, Ockerfarben usw. gehandelt. Entlang dieser Linien wurde getauscht. Dieser Handel war kein Handel wie wir ihn verstehen. Kein Geschaeft, kein Profit. Es wurde alles geteilt. Zudem glauben die Aborigines dass >Gueter< potenziell schaedlich waren und sich gegen ihre Besitzer richteten, sofern sie nicht richtig in Bewegung waren. Gueter waren Absichtserklaerungen: um wieder zu handeln, sich wieder zu treffen, die Songgrenzen festzusetzen, untereinander zu heiraten, zu singen, zu tanzen, um Schaetze zu teilen und Gedanken auszutauschen. So wandert z.B. eine Muschel von einer Hand zur anderen, von der Timorsee zur Grossen Bucht, entlang der >Strassen<. Diese Strassen folgten der Linie unversiegbarer Wasserloecher. Wasserloecher selbst waren auch Zeremoniezentren, wo sich Maenner verschiedener Staemme versammelten. So ist eine Handelsstrasse eine Songline. Denn Lieder und nicht Dinge sind Hauptgegenstand des Tauschens. Der Handel mit >Dingen< ist eine Begleiterscheinung des Handelns mit Liedern.
Bevor die Weissen kamen, war niemand ohne Land, denn jeder erbte als seinen oder ihren privaten Besitz ein Stueck Lied des Ahnen und ein Stueck Land ueber das das Land fuehrte. Die Strophen eines Menschen waren seine Besitzurkunde fuer sein Territorium. Er konnte sie an andere ausleihen. Er konnte sich seinerseits Strophen borgen. Nur verkaufen oder loswerden konnte er sie nicht. Wo immer sich ein Zeremonieplatz befand bestand die Moeglichkeit das sich an ihm die anderen Traeume ueberschnitten. So konnten bei einem dieser Corroborrees (Traumplatzzeremonie) 4 verschiedene totemistische Klans von beliebig vielen verschiedenen Staemmen versammelt sein, die allesamt untereinander Lieder, Taenze, Soehne und Toechter austauschten und sich gegenseitig >Wegerechte< garantierten. Dies bedeutete das er seine >Lied-Karte< vergroesserte. Auch ueberspringt jeder Liederzyklus alle Sprachbarrieren, ohne Ruecksicht auf Staemme und Grenzen.
Ein Traumpfad konnte in Nordwesten in Broome beginnen, sich durch 20 oder mehr Sprachen schlaengeln und schliesslich bei Adelaide ans Meer gelangen. Die Melodie ist immer dieselbe, nur die Woerter aendern sich. So koennte man theoretisch quer durch Australien wandern bzw. singen, vorrausgesetzt man kennt die richtige Melodie.
Auch wenn man heiraten will und >frisches Blut< will (wegen Inzesttabus), wandert man entlang der Songlines. Die Aeltesten raten bis zu 3 Etappen zu wandern. Eine Etappe sei die Uebergabestelle wo das Lied in den Besitz eines anderen uebergehe, da wo man alle schon bekannten Strophen zu Ende gesungen und nichts mehr >ausleihen< konnte, lag die Grenze.
Aber eigentlich gibt es keine Grenzen, sondern eher Strassen und Etappen.
Zum Beispiel: im Stammesgebiet der Aranda in Zentralaustralien ging man von 600 Traeumen aus, die sich in das Gebiet hinein und herauswoben. Das bedeutete 1200 verstreute >Uebergabestellen<. Jeder Halt war von einem Ahnen in der Traumzeit in seine Position gesungen worden: sein Platz auf der Lied-Karte war daher unveraenderlich.

So aehnlich wie bei dem Vogelgesang. Auch Voegel singen ihre territoralen Grenzen.


Gewiss, bei den Aborigines gab es Kampfe und Vendetten und Blutfehden, aber immer nur um ein Ungleichgewicht oder ein Sakrileg abzuschaffen. Der Gedanke, das Land ihrer Nachbarn zu ueberfallen, waere ihnen nie gekommen.

Eine andere Sache ist die Frage der doppelten Vaterschaft. Jeder Aborigine weiss genau wer sein Vater ist, doch gab es zusaetzlich eine Art paralleler Vaterschaft, welche die Seele mit einer bestimmten Stelle in der Landschaft verband. Jeder Ahne hatte, so glaubte man, waehrend er seinen Weg durch das Land sang, eine Spur von >Lebenszellen< oder >Geisterkindern< an der Linie seiner Fussspuren hinterlassen. Man muss sich eine bereits schwangere Frau bei der taeglichen Nahrungssuche vorstellen. Ploetzlich tritt sie auf eine "Strophe", von einem Ahnen, und das >Geisterkind< springt auf, durch ihren Fussnagel bis hinauf in ihre Vagina oder durch eine offene Schwiele am Fuss. Es arbeitet sich bis in ihren Bauch vor und schwaengert den Foetus mit Gesang. Die erste Regung des Babys, entspricht dem Augenblick der >geistigen Empfaengnis<.
Dann kennzeichnert die zukuenftige Mutter die Stelle und eilt davon, um die Aeltesten zu holen. Diese interpretieren dann die Position und bestimmen welcher Ahne diesen Weg gegangen ist und welche Strophen in den Besitz des Kindes uebergehen werden. Sie reservieren ihm eine >Empfaengnisstaette<, die der naechsten Landmarke der Songline entspricht.


Wir hoffen das war nicht zuviel. Wenn man das zum ersten mal hoert ist es bestimmt viel und ueberfaellt einen. Aber es ist doch eine sehr intereassante Sache. Wer sich fuer die Aborigines interessiert oder auch einfach fuer Austrlien, hier ein paar Buchempfehlungen:

"Fruehstueck mit Kaengeruhs" - Bill Bryson
"Traumpfade" - Bruce Chatwin
"My Place" - Sally Morgan
"Rabbit Proof Fence" - Doris Pilkington ist auch bei uns verfilmt worden unter "A long walk home"

Die oben genannten Informationen sind zum Teil aus dem Buch "Traumpfade" von Bruce Chatwin und eigens erzaehlt bekommende.